Wie liest KI eine technische Zeichnung?
Du lädst eine PDF-Zeichnung hoch und bekommst innerhalb von Sekunden eine vollständige, strukturierte Maßliste zurück. Kein Abtippen, kein Suchen auf der Zeichnung. Was macht das Modell dabei — und warum funktioniert das zuverlässig genug für einen Erstmusterprüfbericht?
Nicht OCR — ein Modell, das Zusammenhänge versteht
Der erste Irrtum, den viele haben: Die KI liest keine Zeichnung so wie eine Texterkennung (OCR), die Pixel nach Buchstaben absucht. Stattdessen kommt Claude Opus von Anthropic zum Einsatz — das leistungsstärkste Modell der aktuellen Generation, trainiert darauf, Bilder und Text gemeinsam zu verstehen.
Das bedeutet: Das Modell erkennt nicht nur "120,0" als Zahl, sondern versteht, dass diese Zahl mit einer Maßlinie auf einer Außenansicht zusammenhängt — und damit die Gesamtlänge des Bauteils beschreibt, nicht eine Bohrungstiefe. Es liest die Zeichnung so, wie ein erfahrener QS-Mitarbeiter sie liest: im Kontext.
JPG, PNG oder PDF — was macht den Unterschied?
Alle drei Formate werden akzeptiert. Bei Bilddateien (JPG/PNG) analysiert das Modell die Pixel direkt. Bei PDFs — dem bevorzugten Format für technische Zeichnungen — werden zusätzlich die eingebetteten Vektordaten genutzt. Das macht bei engst bemaßten Zeichnungen mit kleinen Toleranzangaben oft einen spürbaren Unterschied in der Erkennungsgenauigkeit.
Wichtig: Nur die erste Seite wird analysiert. Bei mehrseitigen PDFs erscheint ein entsprechender Hinweis — weitere Seiten können separat hochgeladen werden.
Was das Modell extrahiert
Das Modell kennt den Aufbau eines EMPB nach VDA Band 2. Es weiß, wie eine Maßliste gegliedert ist, welche Merkmale prüfrelevant sind und wie Positionsnummern vergeben werden. Das Ergebnis ist keine rohe Auflistung aller Zahlen auf der Zeichnung — sondern eine geordnete, bewertete Maßliste in QS-Logik.
Sieben Baugruppen strukturieren die Liste
Die extrahierten Merkmale werden automatisch in Baugruppen eingeordnet. Nur Baugruppen, die in der Zeichnung tatsächlich vorkommen, erscheinen im Ergebnis:
Zusammengesetzte Maße werden aufgetrennt
Häufig stehen auf Zeichnungen mehrere Angaben zusammen — zum Beispiel für eine Gewindebohrung: Kernlochdurchmesser, Kernlochtiefe, Gewindegröße, Gewindetiefe, alles in einer Bemaßung. Das Modell trennt diese Angaben in einzelne Positionen auf, wie es einem vollständigen EMPB entspricht.
Wie die Bewertung funktioniert
Im EMPB wird jedes Merkmal, das auf der Zeichnung einen Balloon hat, gemessen — ohne Ausnahme. Die Bewertung ergibt sich dann automatisch: Sobald ein Istwert eingetragen ist, vergleicht das System ihn mit Nennmaß und Toleranz und setzt das Ergebnis:
Kein manuelles Klicken auf "i.O." — der QS-Verantwortliche trägt den Messwert ein, der Rest passiert automatisch. n/a kommt nur bei Merkmalen vor, die ohne eigene Toleranz dokumentiert werden — das ist vor allem bei internen Protokollen relevant.
Das Schriftfeld wird mitgelesen
Neben der Maßliste liest das Modell auch das Schriftfeld der Zeichnung — Bauteilbezeichnung, Zeichnungsnummer, Revision, Werkstoff, Oberfläche, Maßstab, Ersteller, Datum. Diese Felder werden direkt ins EMPB-Deckblatt übernommen. Was nicht erkennbar ist, bleibt leer — kein gerateneter Wert, kein Platzhalter.
Wo die Grenzen liegen
Das Modell ist kein Koordinatenmessgerät und ersetzt keine Prüfung. Es gibt Situationen, in denen es unsicher ist — das signalisiert es pro Merkmal mit einem Konfidenzwert. Darunter erscheint automatisch ein Warnhinweis, damit der QS-Mitarbeiter das Merkmal manuell prüft.
Typische Grenzsituationen:
- Schlechte Scanqualität oder sehr niedrig aufgelöste Bilder
- Ungewöhnliche Projektionsmethoden oder sehr alte Norm-Symbolik
- Handzeichnungen oder gemischte handschriftliche Annotationen
- Mehrseitige PDFs: Seite 1 wird analysiert, weitere separat
Der korrekte Umgang: Die KI liefert einen Entwurf — vollständig genug, dass der QS-Verantwortliche nicht mehr von vorne anfangen muss, aber kein Ersatz für die fachliche Prüfung. Die letzte Instanz bleibt der Mensch.
Was am Ende dabei herauskommt
Bei einem Bauteil mit ~50 Merkmalen dauert die KI-Extraktion 1–2 Minuten. Das Ergebnis ist ein strukturierter EMPB-Entwurf: Deckblatt mit Kopfdaten, Maßliste mit Baugruppen, Positionsnummern, Nennmaßen und Toleranzen. Die Messung und den Soll-Ist-Vergleich übernimmt der QS-Verantwortliche wie gewohnt — der Dokumentationsaufwand davor ist massiv kürzer.
Selbst ausprobieren
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