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Was ist ein Erstmusterprüfbericht (EMPB)?

Definition, Inhalt und Erstellung nach VDA Band 2 — Praxis-Anleitung für Lohnfertiger, Werkzeugbauer und QS-Verantwortliche im Mittelstand.

1. Definition: Was ist ein EMPB?

Ein Erstmusterprüfbericht (EMPB) ist ein Dokument, mit dem ein Lieferant einem Kunden gegenüber nachweist, dass das erste gefertigte Bauteil oder die erste Charge einer Serie alle gezeichneten Maße, Toleranzen und Anforderungen erfüllt. Der EMPB ist Bestandteil der Erstbemusterung und gehört zu den Standard-Lieferpapieren in der Automobilindustrie und vielen anderen Branchen.

Im deutschsprachigen Raum gilt als Norm der VDA Band 2 — auch bekannt als Produktionsprozess- und Produktfreigabe (PPF). International ist das amerikanische Pendant PPAP (Production Part Approval Process) der AIAG verbreitet.

Synonyme im Sprachgebrauch: Erstmuster, Erstmusterprüfung, Bemusterungsbericht, First Article Inspection Report (FAIR).

2. Wofür wird ein EMPB gebraucht?

Ein EMPB hat in der Praxis zwei Funktionen:

Typische Anlässe für eine Bemusterung sind Neuteile, konstruktive Änderungen, Verlagerungen der Fertigung, Lieferantenwechsel, Werkzeug- oder Verfahrensänderungen, Materialwechsel oder eine längere Produktionsunterbrechung. Ohne erfolgreichen EMPB darf in der Automobil- und vielen anderen Industrien keine Serienlieferung erfolgen.

3. VDA Band 2 — Vorlagegrund und Vorlagestufe

Der VDA Band 2 (aktuelle Auflage 7, 2020) regelt die Anforderungen an die Erstbemusterung im deutschsprachigen Raum. Zwei Begriffe sind besonders wichtig:

Vorlagegrund (10 Codes)

Der Vorlagegrund beschreibt, warum bemustert wird. Die zehn Codes nach VDA Band 2:

CodeVorlagegrund
01Neuteil / Neuanlauf
02Konstruktive Änderung
03Verlagerung der Fertigung
04Lieferantenwechsel
05Werkzeug- / Verfahrensänderung
06Längere Produktionsunterbrechung (> 12 Monate)
07Materialwechsel
08Sonderfreigabe abgelaufen
09Zeichnungsänderung mit Sachnummer
10Sonstiger Anlass

Vorlagestufe (drei Stufen)

Die Vorlagestufe beschreibt, wie viel bemustert wird:

4. Was muss in einen EMPB rein?

Ein vollständiger EMPB nach VDA Band 2 enthält in der Regel:

Deckblatt

Maßliste / Prüfergebnisse

Pro Merkmal mindestens:

Anlagen (typisch bei Stufe 1)

  1. Maßprüfung (eigentliche Maßliste)
  2. Funktionsprüfung
  3. Werkstoffprüfung / Werkstoffzeugnis 3.1
  4. Cpk- bzw. Cmk-Bericht
  5. Control Plan / Produktionslenkungsplan
  6. Prozess-FMEA
  7. Prüfmittelliste / Prüfmittelfähigkeitsnachweis
  8. IMDS-Eintrag (Materialdatenblatt)
  9. Sicherheits-Datenblatt
  10. Ballonierte Zeichnung

5. EMPB Schritt für Schritt erstellen

Der klassische Workflow im Mittelstand:

Schritt 1: Zeichnung analysieren

Die Bemusterungs-Zeichnung wird gesichtet. Schriftfeld, Maße, Toleranzen, ISO-Normungen, Sondermerkmale und Anforderungen werden notiert. Das ist meist die zeitintensivste Phase — bei einem Bauteil mit 30 Maßen rechnet man realistisch mit 30 bis 60 Minuten.

Schritt 2: Ballonierung

Jedes prüfrelevante Maß bekommt eine Nummer und einen Kreis (Ballon) auf der Zeichnung. Das geschieht traditionell in Bluebeam, Adobe Acrobat oder per Hand auf einem Ausdruck. Bei 30 bis 50 Maßen schnell ein halber Tag Arbeit.

Schritt 3: Maßliste in Vorlage übertragen

Pro Ballon wird eine Tabellenzeile in der Kunden- oder Eigenvorlage (meist Excel oder Word) ausgefüllt. ISO-2768-Toleranzen müssen aus der Norm nachgeschlagen werden, weil sie auf der Zeichnung selten ausgeschrieben sind.

Schritt 4: Messung und Eintragung der Istwerte

Die Bauteile werden gemessen, Istwerte und Bewertung (i.O. / n.i.O.) werden eingetragen. Bei statistisch relevanten Merkmalen kommen Cmk-Werte aus mindestens 25 Messwerten dazu.

Schritt 5: Anlagen kuratieren

Werkstoffzeugnis vom Materiallieferanten anfordern, Cpk-Bericht aus dem QS-System exportieren, Control Plan und FMEA aus der Doku ziehen, IMDS-Eintrag prüfen.

Schritt 6: Deckblatt + PDF

Vorlagegrund + Vorlagestufe wählen, Lieferant- und Kunden-Daten ausfüllen, Bestätigung unterschreiben, alles als PDF zusammenführen und an den Kunden schicken.

Realistischer Gesamtaufwand: 2 bis 4 Stunden pro EMPB im Mittelstand, inklusive Messung. Bei 5 Bemusterungen pro Monat sind das 10 bis 20 Stunden Personalaufwand — bei einem Stundensatz von 60 € entsprechend 600 bis 1.200 €.

6. EMPB vs. PPAP — der Unterschied

EMPB und PPAP haben das gleiche Ziel, unterscheiden sich aber in Details:

EMPB nach VDA Band 2PPAP nach AIAG
Norm-GeberVDA (Verband der Automobilindustrie, Deutschland)AIAG (Automotive Industry Action Group, USA)
VerbreitungDeutschland, EuropaUSA, international (Toyota, GM, Ford)
Vorlagestufen3 Stufen (1 / 2 / 3)5 Levels (1 bis 5)
Anlagen24 mögliche Anlagen-Typen18 Standard-Elemente
FormatVorlagen-Sammlung mit Deckblatt + MaßlisteStandard-Forms (Cover Sheet, Submission Warrant, etc.)

Wer in beide Märkte liefert, muss in der Praxis beide Standards bedienen. Inhaltlich sind sich EMPB und PPAP zu 80 Prozent ähnlich.

7. Sondermerkmale, ISO 2768 und Toleranzen

Sondermerkmale (CC, SC, Major, Minor)

Sondermerkmale werden in der Zeichnung mit besonderen Symbolen gekennzeichnet und müssen im EMPB explizit ausgewiesen werden:

ISO 2768 — Allgemeintoleranzen

ISO 2768-1 (Längenmaße und Winkel) und ISO 2768-2 (Form und Lage) regeln Toleranzen für Maße ohne explizite Toleranzangabe. Die Klassen heißen f (fein), m (mittel), c (grob) und v (sehr grob). Im EMPB müssen die berechneten Grenzen für jedes Maß ausgewiesen werden — viele Vorlagen lassen das offen, was dann zu Reklamations-Risiko führt.

Passungen und GD&T

Bohrungen und Wellen werden nach ISO-Passungssystemen gekennzeichnet (H7, h6, g7 usw.). Geometrische Toleranzen nach ISO 1101 (GD&T) — Form, Lage, Profil, Lauf — müssen ebenfalls in die Maßliste übernommen werden. Bei komplexen Bauteilen ist das ein eigener Aufwandsposten.

8. Häufige Fehler bei der EMPB-Erstellung

  1. Tippfehler beim Übertragen. Bei 30 manuell abgetippten Maßen schleicht sich statistisch ein Fehler ein — und führt später zur Reklamation oder teuren Nachprüfung.
  2. ISO-2768-Toleranzen falsch berechnet. Die Klassen-Tabellen werden oft fehlerhaft interpretiert, besonders bei Maßen über 1.000 mm.
  3. Sondermerkmale übersehen. CC- und SC-Symbole in der Zeichnung sind klein und werden bei der Maßauflistung gerne vergessen.
  4. Vorlagegrund oder Vorlagestufe nicht passend. „Sonstiges" als Vorlagegrund anzukreuzen, wenn eigentlich „Konstruktive Änderung" gemeint ist, kann zur Rückweisung durch den Kunden führen.
  5. Anlagen unvollständig. Bei Stufe 1 fehlt häufig der Cpk-Bericht oder der IMDS-Eintrag — die Bemusterung wird zurückgegeben.
  6. Format-Probleme. Schriftgrößen, Spaltenbreiten, fehlende Unterschriftenfelder. Sieht unprofessionell aus, wird vom Kunden manchmal gar nicht erst gelesen.
  7. Ballonierte Zeichnung fehlt oder ist unleserlich. Ohne ballonierte Zeichnung kann der Kunde die Maßliste nicht zur Zeichnung zuordnen — das ist ein häufiger Grund für Rückweisung.

9. Tools für die Erstellung im Mittelstand

Die Werkzeuglandschaft für EMPB-Erstellung lässt sich grob in drei Klassen einteilen:

A) Excel und Word

Die Standard-Lösung im Klein- und Mittelstand. Vorlagen vom Kunden, gepflegt im Eigenformat, manuell ausgefüllt. Vorteil: kostenlos, jeder kennt es. Nachteil: hoher Zeitaufwand, fehleranfällig, kein Auto-Ballooning, keine integrierte Toleranz-Berechnung.

B) Vollwertige CAQ-Suiten

Beispiele: Babtec, iqs, CWA SmartPro, Q-DAS. Decken den kompletten Qualitätssicherungsprozess ab — Reklamations-Management, Audit, FMEA, Cpk-Statistik, Bemusterungs-Workflow. Vorteil: alles aus einer Hand. Nachteil: Lizenzkosten von 5.000 bis 30.000 € pro Jahr, Implementierungsaufwand von Monaten, für Kleinbetriebe mit fünf bis fünfzig Bemusterungen pro Jahr deutlich überdimensioniert.

C) Spezialisierte Pay-per-Use-Lösungen

Neue Klasse von Tools, die nur den Bemusterungs-Workflow abdecken — ohne Abo, ohne CAQ-Vollintegration. Zeichnung hochladen, KI extrahiert, PDF runterladen, fertig. Vorteil: Aufwand pro EMPB sinkt von 2 bis 4 Stunden auf 15 bis 30 Minuten. Nachteil: nicht für jede QS-Workflow-Tiefe geeignet.

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