VDA Band 2 Vorlagestufe 1, 2 und 3 — Was ist der Unterschied?
Dein Kunde schreibt „Vorlagestufe 2 mit Werkstoffzeugnis". Ein anderer fordert „Vorlagestufe 1 komplett mit PFMEA". Was steckt hinter den drei Stufen, welche Dokumente sind bei welcher Stufe wirklich Pflicht — und was passiert, wenn du das falsche Paket lieferst?
Was ist eine Vorlagestufe?
Die Vorlagestufe legt im VDA Band 2 fest, welche PPF-Dokumente du physisch beim Kunden einreichst — nicht was du erstellst, sondern was du tatsächlich übergibst. Das ist ein entscheidender Unterschied, den viele Lohnfertiger unterschätzen.
Grundregel: Erstellt werden muss bei einer vollständigen PPF (Produktionsprozess- und Produktfreigabe) immer das vollständige Dokumentenpaket — Prüfbericht, ballonierte Zeichnung, Werkstoffzeugnis, Cmk-Auswertung und was sonst noch gefordert ist. Die Vorlagestufe bestimmt nur, was davon zum Kunden geht und was du in deinem eigenen QM-System für Audits bereithältst.
Das bedeutet: Vorlagestufe 3 (Selbstauskunft) heißt nicht, dass du keine Messungen machen musst. Es heißt, dass du deine Ergebnisse selbst aufbewahrst und dem Kunden nur das ausgefüllte Deckblatt schickst. Wer das falsch versteht und bei Stufe 3 tatsächlich auf den Erstmusterprüfbericht verzichtet, hat ein Problem beim nächsten Audit.
Die drei Vorlagestufen im Überblick
| Stufe | Bezeichnung | Was geht zum Kunden | Wann typisch |
|---|---|---|---|
| 1 | Komplett | PPF-Deckblatt + vollständige Dokumentation | Sicherheitsrelevante Teile, Neukunde, CC-Teile |
| 2 | Eingeschränkt | PPF-Deckblatt + ausgewählte Anlagen | Standardfall Erstmuster, Zeichnungsänderungen |
| 3 | Selbstauskunft | Nur das ausgefüllte PPF-Deckblatt | C-Teile, Verlängerungen, langjährige Partner |
Für die meisten Erstmuster in der Automobilindustrie ist Vorlagestufe 2 der Standardfall. Vorlagestufe 1 kommt bei sicherheitsrelevanten Teilen und Neukunden, Stufe 3 bei unkritischen C-Teilen oder Verlängerungen bestehender Freigaben.
Vorlagestufe 1 — Vollständige Übergabe beim Kunden
Du übergibst dem Kunden die vollständige PPF-Dokumentation. Er kann alles prüfen, ohne dich kontaktieren zu müssen.
Was bei Stufe 1 eingereicht wird
- PPF-Deckblatt (ausgefüllt, unterschrieben)
- Vollständige Erstmusterprüfmaßliste mit allen Zeichnungsmaßen und Istwerten
- Ballonierte Zeichnung (alle Maße nummeriert)
- Werkstoffzeugnis 3.1 nach EN 10204 (bei metallischen Bauteilen)
- Cmk-Auswertung für alle Sondermerkmale (CC und SC), min. n = 25
- Control Plan
- PFMEA (Process Failure Mode and Effects Analysis)
- IMDS-Nachweis (MDS-ID + Version)
- Ggf. Laborprüfberichte (Oberfläche, Härte, Zugversuch)
Wann wird Stufe 1 gefordert?
Vorlagestufe 1 ist die anspruchsvollste Stufe und wird immer dann gefordert, wenn der Kunde keine Abstriche beim Dokumentationsumfang macht:
- Sicherheitsrelevante Bauteile mit mehreren CC-Merkmalen (Bremsen, Lenkung, Fahrwerk)
- Erste Lieferbeziehung mit einem neuen Kunden oder neuem Fertigungsstandort
- Nach Qualitätsproblemen oder Rückrufaktionen (als Vertrauensaufbau)
- OEM-Direktlieferungen (BMW Tier-0, Mercedes Tier-0)
- Wenn der Kunde bei ihm keine eigene QM-Infrastruktur hat, um Dokumente anzufordern
Typischer Satz vom Kunden-SQE: „Bei diesem Teil hätte ich gerne die vollständige PPF mit PFMEA und Control Plan, wir haben das noch nie von euch geliefert bekommen." — Das ist Stufe 1.
Vorlagestufe 2 — Eingeschränkte Übergabe (die häufigste Stufe)
Du übergibst das PPF-Deckblatt plus die Dokumente, die der Kunde in seiner Supplier Quality Guideline oder Bestellung festlegt. Was genau das ist, steht im kundeneigenen Dokument — nicht pauschal im VDA-Standard.
Was bei Stufe 2 eingereicht wird
- PPF-Deckblatt
- Vollständige Erstmusterprüfmaßliste mit Istwerten
- Ballonierte Zeichnung
- Werkstoffzeugnis 3.1 (fast immer gefordert, auch wenn der Standard es nicht explizit vorschreibt)
- Cmk-Bericht für Sondermerkmale (CC/SC) — sofern vorhanden
- IMDS-Nachweis (MDS-ID auf dem Deckblatt reicht meist)
PFMEA und Control Plan bleiben typischerweise beim Lieferanten und werden nur auf Anfrage oder im Audit vorgelegt.
Was der Kunde konkret festlegt
Das ist der häufigste Missverständnisgrund: „Vorlagestufe 2" laut VDA-Standard bedeutet „ausgewählte Anlagen". Was ausgewählt ist, steht nicht im VDA-Standard selbst, sondern in der kundeneigenen PPF-Anforderungsliste:
- Bosch: QMR (Quality Management Requirements), aktuell QMR 13002
- Continental: CSR (Customer Specific Requirements)
- ZF: Supplier Quality Standards (SQS)
- VW-Konzern: Technische Lieferbedingungen (TL), ergänzt durch Konzern-QM
Ohne diese Dokumente zu kennen, lieferst du blind. Beim ersten Auftrag beim Kunden immer nach der gültigen PPF-Anforderungsliste fragen.
Vorlagestufe 3 — Selbstauskunft
Du übergibst dem Kunden nur das ausgefüllte PPF-Deckblatt mit deiner Erklärung, dass alle Anforderungen erfüllt sind. Alle Belege behältst du und legst sie im Audit vor.
Was bei Stufe 3 eingereicht wird
- PPF-Deckblatt (ausgefüllt, mit Vorlagestufe 3 markiert)
- Keine weiteren Dokumente
Was du trotzdem erstellt haben musst
Das ist der wichtige Teil, den viele übersehen: Auch bei Stufe 3 musst du den vollständigen Erstmusterprüfbericht intern erstellt und archiviert haben. Du schickst ihn nicht, aber du musst ihn vorlegen können, wenn der Kunde einen Audit ankündigt oder eine Reklamation kommt.
Wann wird Stufe 3 akzeptiert?
- C-Teile ohne Sondermerkmale bei langjährigen Lieferantenbeziehungen
- Verlängerungen bestehender Freigaben (gleiche Zeichnungsrevision, gleicher Lieferant, kein Prozesswechsel)
- Formale Jahres-Requalifizierungen bei stabiler Serienlieferung
- Auf explizite Anforderung des Kunden (manche Kunden nutzen Stufe 3 intern für Standardteile)
Welche Stufe fordert welcher Kunde?
| Kunde / Segment | Typische Stufe | Besonderheit |
|---|---|---|
| VW-Konzern (VW, Audi, SEAT, ŠKODA, Porsche) | 2 (Standard) / 1 (CC-Teile) | Formel-Q-Anforderungen maßgeblich, eigene PPF-Vorlage |
| BMW Group | 2 oder 1 | Erstlieferung meist Stufe 1, Folgelieferungen Stufe 2 |
| Mercedes-Benz | 2 oder 1 | TL-Standards + eigene MB-Anforderungsliste (MBN) |
| Bosch (Automotive) | 2 (Standard) / 1 (sicherheitsrelevant) | QMR 13002 ist maßgeblich, explizit Werkstoffzeugnis + Cmk |
| Continental / Vitesco | 2 | CSR-Dokument bestimmt genauen Anlagenumfang |
| ZF Friedrichshafen | 2 | SQS-Dokument, IMDS-Pflicht, PFMEA nur auf Anfrage |
| Mittelstand / Maschinenbau | 2 oder 3 | Oft informell — Anforderung auf Anfrage klären, Standard variiert stark |
| Luft- und Raumfahrt (AS9102 / FAIR) | — (anderer Standard) | Kein VDA Band 2, sondern FAIR nach AS9102 — vollständige Messung Pflicht |
Diese Tabelle ist ein Richtwert auf Basis typischer Branchenpraxis — sie ersetzt nicht das kundeneigene Supplier Quality Manual. OEMs ändern ihre Anforderungen regelmäßig. Beim Kunden-SQE nachfragen ist immer die sicherste Variante.
Was passiert, wenn du die falsche Vorlagestufe lieferst?
Zu niedrig (z. B. Stufe 3 statt Stufe 2)
Der EMPB wird formal abgelehnt. Du bekommst eine Reklamation — meistens eine Anfrage auf Nachlieferung der fehlenden Dokumente, im schlimmsten Fall eine 8D-Einleitung. Und du darfst nacharbeiten: Fehlende Anlagen zusammenstellen, erneut einreichen, auf Freigabe warten.
Wenn die Serienfreigabe davon abhängt — und das tut sie meistens — kostet dich das Zeit. Bei einem Fertigungsstarttermin beim Kunden können das Wochen sein.
Zu hoch (z. B. Stufe 1 statt Stufe 2)
Formal kein Problem. Der Kunde bekommt mehr Dokumentation als gefordert. Praktisch: Du hast unnötig Aufwand betrieben. Außerdem: Wer freiwillig eine vollständige PFMEA einreicht, die nicht gefordert war, öffnet Tür und Tor für Kommentare und Rückfragen zu Prozessdetails, die sonst niemanden interessiert hätten.
Vorlagestufe auf dem Deckblatt falsch ausgefüllt
Das passiert öfter als man denkt: Man reicht Stufe-2-Dokumente ein, trägt auf dem Deckblatt aber Stufe 3 ein — oder umgekehrt. Auch das führt zu formaler Ablehnung, weil der SQE des Kunden das Deckblatt als verbindliche Aussage wertet.
Die häufigste Falle in der Praxis: „Stufe 2" bedeutet nicht überall dasselbe
Das ist das eigentliche Problem beim Thema Vorlagestufen: Der VDA-Standard definiert nur den Rahmen. Was „eingeschränkte Übergabe" bei Vorlagestufe 2 konkret heißt — also welche der ausgewählten Anlagen du einreichst — steht im kundeneigenen Dokument.
Beispiel: Bosch fordert bei Stufe 2 explizit das Werkstoffzeugnis 3.1 und den Cmk-Bericht für Sondermerkmale. ZF legt großen Wert auf den IMDS-Nachweis, sieht PFMEA dagegen als internes Dokument. Continental schreibt im CSR, dass bei SC-Merkmalen Stufe 2 automatisch Stufe 1 für die Cmk-Dokumentation bedeutet.
Wer das nicht weiß und pauschal „EMPB nach VDA Band 2 Vorlagestufe 2" einreicht, bekommt beim ersten Kunden eine Rückmeldung — beim zweiten vielleicht nicht. Das System funktioniert, solange du die kundeneigenen Anforderungen kennst.
Praxisbeispiel: Hydraulikkolben 42CrMo4, Bosch, Vorlagestufe 2
Du erhältst eine Bestellung von Bosch Rexroth für einen gedrehten Hydraulikkolben aus 42CrMo4+QT, Oberfläche gehärtet auf 58–62 HRC, Toleranzklasse IT6 an den Laufflächen. Das Teil hat zwei SC-Merkmale (Härtewert, Innenrauheit Ra) und 31 weitere Maße.
Was du erstellst (vollständiges PPF-Paket)
- Erstmusterprüfbericht: alle 33 Maße aus der Zeichnung, Istwerte von 3 Erstmuster-Teilen
- Ballonierte Zeichnung: alle 33 Maße nummeriert
- Cmk-Auswertung für beide SC-Merkmale: je min. n = 25, Cmk ≥ 1,33
- Werkstoffzeugnis 3.1 nach EN 10204 (vom Stahlhändler mit Schmelznachweis)
- IMDS-Eintrag für 42CrMo4+QT, Oberfläche: SVHC-geprüft, MDS-ID eintragen
- PPF-Deckblatt: Vorlagegrund 01 (Neuteil), Vorlagestufe 2
- Härtekurven-Protokoll (Eigenprüfung, intern)
- PFMEA (intern, nicht eingereicht)
Was du bei Bosch einreichst (Vorlagestufe 2 laut QMR)
PPF-Deckblatt + vollständige Maßliste + ballonierte Zeichnung + Werkstoffzeugnis 3.1 + Cmk-Bericht für beide SC-Merkmale. Der IMDS-Nachweis läuft über das Deckblatt (MDS-ID + Version eingetragen). PFMEA und Härtekurven-Protokoll bleiben bei dir.
Was du intern archivierst
Alles — also das vollständige PPF-Paket. Wenn Bosch in 18 Monaten einen Lieferantenaudit ankündigt, kannst du innerhalb von 24 Stunden den vollständigen Nachweis vorlegen.
Der gesamte Dokumentationsaufwand für dieses Teil: Mit einer KI-gestützten Extraktion der Zeichnung brauchst du für den EMPB selbst etwa 1–2 Stunden (Istwerte eintragen, Werte prüfen, Deckblatt ausfüllen). Die Cmk-Auswertung nach Fertigung der 25-Teile-Serie braucht nochmal 30–60 Minuten. Das Werkstoffzeugnis kommt mit dem Rohmaterial. Wie KI eine Zeichnung liest und die Maßliste automatisch erstellt — das spart dabei den größten Teil der Tipp-Arbeit.
Fazit
Die drei Vorlagestufen des VDA Band 2 lösen ein einfaches Problem: Nicht jeder Kunde will für jedes Teil die vollständige Dokumentenmappe. Stufe 1 (komplett) ist die strengste, Stufe 2 (eingeschränkt) der Standardfall, Stufe 3 (Selbstauskunft) die sparsamste Variante.
Was die Vorlagestufe nicht ist: eine Erlaubnis, weniger zu prüfen. Die Messarbeit und der Erstmusterprüfbericht sind unabhängig von der Vorlagestufe Pflicht — die Stufe regelt nur, was davon beim Kunden landet. Wer das falsch versteht, hat beim nächsten Audit das Nachsehen.
Praktisch bedeutet das: die Vorlagestufe richtig auswählen, das kundeneigene SQG/CSR kennen, und die vollständige PPF-Dokumentation intern sauber archivieren — unabhängig davon, was zum Kunden geht. Mit dieser Grundlage ist ein EMPB nach VDA Band 2 keine bürokratische Last, sondern ein verlässlicher Nachweis für beide Seiten.
Wer mehr über die Unterschiede zwischen dem deutschen EMPB-Standard und internationalen Varianten wissen möchte: EMPB, PPAP und FAIR — Was ist der Unterschied? gibt einen Überblick über alle drei Erstmusterprüfstandards.
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